Bei uns gibt es kein Mein und Dein
Wie ein einfacher Satz das Teilen Zuhause erleichtert hat
Seit Marie auf der Welt ist, gibt es bei uns zu Hause eine einfache Regel:
„Es gibt kein Mein und Dein. Alles gehört allen.“
Entstanden ist dieser Satz aus ganz alltäglichen Situationen.
Marie entdeckt ein Spielzeug, greift danach und Anna sagt: „Das ist meins.“
Das ist für ein Kind natürlich vollkommen normal. Bevor Marie geboren wurde, waren schließlich alle Spielsachen automatisch für Anna da. Nicht, weil wir ausdrücklich festgelegt hätten, dass sie ihr gehören. Es gab einfach kein anderes Kind, mit dem sie sie teilen musste.
Seit Marie da ist, sind aus Annas Spielsachen gemeinsame Spielsachen geworden.
Alles gehört beiden
Wir wollten nicht bei jedem Gegenstand unterscheiden, für welches Kind er ursprünglich gekauft wurde.
Sind das noch Annas Bausteine, weil sie zuerst damit gespielt hat? Gehört das Buch Marie, weil sie es zur Geburt bekommen hat? Und wem gehört das Spielzeug, das seit zwei Jahren in irgendeiner Kiste liegt?
Deshalb haben wir es einfach gemacht.
Die Spielsachen bei uns zu Hause sind für beide Kinder da. Es gibt nicht Annas Bausteine und Maries Bausteine. Es gibt nicht Annas Bücher und Maries Bücher.
Es sind ihre gemeinsamen Sachen.
Daraus entstand irgendwann der Satz:
„Bei uns gibt es kein Mein und Dein. Alles gehört allen.“
Anna hat den Satz verstanden
Marie ist noch zu jung, um diese Regel zu verstehen.
Sie sieht etwas, das interessant aussieht, greift danach und spielt damit. Ob ein Gegenstand ihr, Anna oder uns gehört, ist für sie noch nicht relevant.
Anna versteht den Satz hingegen sehr gut.
Er hat sich bei ihr eingeprägt. Wenn sie sagt, dass etwas ihr gehört, müssen wir keine lange Diskussion führen. Meistens reicht es, sie an unsere Regel zu erinnern.
Und sie weiß sofort, was gemeint ist.
Das Spannende ist, dass sie den Satz mittlerweile nicht mehr nur als Aufforderung versteht. Die Idee dahinter scheint für sie selbstverständlich zu werden.
Die Spielsachen sind nicht ausschließlich für sie da. Marie darf sie ebenfalls verwenden.
Seitdem teilt Anna viel selbstverständlicher mit ihrer kleinen Schwester.
Natürlich funktioniert das nicht immer. Manchmal möchte sie etwas gerade unbedingt selbst haben. Manchmal ist genau das Spielzeug besonders interessant, nach dem Marie gerade greift.
Anna ist schließlich ein Kind.
Trotzdem merken wir, dass die grundsätzliche Haltung bei ihr angekommen ist: Marie nimmt ihr nicht ihre Spielsachen weg. Die Spielsachen sind von Anfang an für beide da.
Eine einfache Regel statt langer Erklärungen
Wir könnten Anna in jeder Situation ausführlich erklären, warum sie mit Marie teilen soll.
Wir könnten ihr sagen, dass Marie ebenfalls damit spielen möchte. Dass Geschwister aufeinander Rücksicht nehmen. Dass Anna früher selbst mit diesen Dingen gespielt hat und Marie nun auch die Gelegenheit dazu bekommen soll.
Das wäre alles richtig.
Für ein kleines Kind wäre es aber jedes Mal eine ziemlich lange Erklärung.
Unsere Regel ist kurz, eindeutig und immer gleich.
Anna muss nicht bei jedem Gegenstand neu überlegen, wem er gehört. Sie kennt die Antwort bereits: Er ist für beide da.
Ich glaube, dass gerade diese Einfachheit ein Grund dafür ist, warum der Satz bei ihr so gut funktioniert.
Teilen unter Geschwistern
Was mich besonders freut, ist das Zusammenspiel zwischen den beiden.
Marie orientiert sich stark an Anna. Sie beobachtet sie, krabbelt ihr nach und interessiert sich meistens genau für die Dinge, mit denen sich ihre große Schwester beschäftigt.
Anna wiederum zeigt Marie Spielzeug, bringt ihr Dinge und versucht ihr zu erklären, wie etwas funktioniert.
Sie übernimmt damit ganz automatisch die Rolle der großen Schwester.
Unsere Regel ist dabei nur ein kleiner Teil ihrer Beziehung. Sie verhindert keine Konflikte und sorgt auch nicht dafür, dass immer alles harmonisch abläuft.
Aber sie schafft eine gemeinsame Grundlage.
Die Dinge bei uns zu Hause sind nicht etwas, das die beiden voneinander trennt. Sie sind etwas, das sie gemeinsam verwenden können.
Was sagt die Forschung dazu?
Eine wissenschaftliche Untersuchung unserer konkreten Familienregel gibt es natürlich nicht.
Die Grundidee dahinter passt aber zu Erkenntnissen aus der Entwicklungspsychologie. Kinder entwickeln früh ein Verständnis dafür, wem Gegenstände gehören und welche Dinge gemeinsam verwendet werden.
Eine "Studie zum Zusammenhang zwischen Eigentumsverständnis und Teilen" (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23145536/) kam sogar zu dem Ergebnis, dass ein besseres Verständnis von Eigentum bei Kleinkindern mit häufigerem Teilen zusammenhing.
Auch Geschwisterbeziehungen gelten als wichtiges Lernfeld. Kinder lernen dabei unter anderem, auf andere Rücksicht zu nehmen, deren Perspektive zu verstehen, zu helfen und miteinander umzugehen. Einen Überblick dazu bietet die "Encyclopedia on Early Childhood Development" (https://www.child-encyclopedia.com/peer-relations/according-experts/sibling-relations-and-their-impact-childrens-development).
Unsere Regel ist damit nicht wissenschaftlich bewiesen. Die Idee, gemeinsame Dinge auch bewusst als gemeinsam zu benennen, ist aber durchaus plausibel.
Fazit
„Bei uns gibt es kein Mein und Dein“ ist bei uns nicht als pädagogisches Konzept entstanden.
Es war einfach ein Satz, der unseren Alltag mit zwei Kindern leichter machen sollte.
Mittlerweile merken wir, dass er für Anna mehr geworden ist. Sie hat verstanden, dass die Dinge bei uns zu Hause nicht ausschließlich für sie da sind. Sie gehören auch ihrer kleinen Schwester.
Marie ist noch zu jung, um das zu verstehen. Aber Anna lebt ihr die Regel bereits vor.
Und vielleicht wird Marie den Satz irgendwann von ihrer großen Schwester hören:
„Bei uns gibt es kein Mein und Dein. Alles gehört allen.“
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